Eine wichtige Anmerkung zum Umgang mit dieser Angelegenheit
Neben der Frage, ob eine bestimmte Handlung tatsächlich von der Sunnah überliefert ist oder nicht, stellt sich eine weitere, ebenso wichtige Frage: Wie gehen wir mit den Menschen um, die diese Handlung seit Jahren oder sogar Jahrzehnten praktizieren?
Gerade in Angelegenheiten der Daʿwah sollte man nicht nur fragen: „Was ist richtig?“, sondern auch: „Wie vermittle ich das Richtige auf die richtige Weise?“
Allah sagt:
ادْعُ إِلَىٰ سَبِيلِ رَبِّكَ بِالْحِكْمَةِ وَالْمَوْعِظَةِ الْحَسَنَةِ وَجَادِلْهُم بِالَّتِي هِيَ أَحْسَنُ
„Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und guter Ermahnung und argumentiere mit ihnen auf die beste Art.“
(Sūrat an-Naḥl 16:125)
Der Prophet ﷺ sagte zu Abū Mūsā und Muʿādh رضي الله عنهما:
يَسِّرَا وَلَا تُعَسِّرَا، وَبَشِّرَا وَلَا تُنَفِّرَا
„Macht es leicht und erschwert es nicht; gebt frohe Botschaft und schreckt nicht ab.“
(Ṣaḥīḥ al-Bukhārī 6124)
Das bedeutet nicht, dass man aus Angst vor der Reaktion der Menschen die Wahrheit verschweigen soll. Vielmehr bedeutet es, dass die Art und Weise der Vermittlung selbst Teil der Daʿwah ist.
Wenn ein Mensch beispielsweise seit 20 oder 30 Jahren eine bestimmte Handlung praktiziert und davon überzeugt ist, dass sie zur Sunnah gehört, wird er eine gegenteilige Aussage möglicherweise nicht einfach aufgrund eines einzigen Vortrags akzeptieren. Vielleicht hat er diese Praxis von seinen Eltern, seinen Lehrern oder seiner Gemeinde übernommen. Vielleicht hat er bisher nie von den entsprechenden Beweisen gehört. Vielleicht kennt er auch Gegenargumente oder andere fatāwā, die ihm bisher überzeugend erschienen sind.
Deshalb sollte man sich zunächst fragen:
Mit wem spreche ich überhaupt?
Ist diese Person bereit, eine wissenschaftliche Diskussion zu führen? Kennt sie die Grundlagen der Thematik? Oder wird sie die Kritik lediglich als Angriff auf ihre Person, ihre Familie, ihre Gemeinde oder ihre Gelehrten verstehen?
Ist diese Person überhaupt bereit, ihre bisherige Auffassung zu hinterfragen?
Und noch wichtiger:
Ist dies momentan überhaupt die wichtigste Angelegenheit, die ich dieser Person vermitteln sollte?
Vielleicht gibt es bei diesem Menschen viel größere Baustellen: Ṣalāh, Tawḥīd, Charakter, Umgang mit den Eltern, das Meiden von Sünden oder grundlegende Kenntnisse über den Islam. Dann sollte man sich fragen, ob es wirklich sinnvoll ist, seine ganze Aufmerksamkeit auf eine einzelne Fiqh- oder Dhikr-Frage zu richten.
Nicht jede Meinungsverschiedenheit ist gleich
Hier ist außerdem eine wichtige Unterscheidung notwendig.
Es gibt Angelegenheiten, in denen eine Handlung aufgrund klarer Beweise als nicht von der Sunnah überliefert betrachtet wird. Gleichzeitig gibt es aber auch zahlreiche Fragen des Fiqh, bei denen anerkannter Ikhtilāf unter den Gelehrten besteht.
Gerade zwischen den Madhāhib gibt es in vielen Fiqh-Fragen unterschiedliche Auffassungen. Eine Person, die beispielsweise einer anerkannten Position der Ḥanafī-, Mālikī-, Shāfiʿī- oder Ḥanbalī-Schule folgt, sollte deshalb nicht allein deshalb als jemand betrachtet werden, der „gegen die Sunnah“ handelt.
Man muss zuerst wissen:
- Ist dies tatsächlich eine Frage, in der kein relevanter Ikhtilāf besteht?
- Oder gibt es hierzu unterschiedliche Auffassungen unter den Gelehrten?
- Worauf stützt sich jede Position?
- Handelt es sich um eine Frage von ʿAqīdah, einer klaren gottesdienstlichen Neuerung oder um eine Fiqh-Frage mit anerkanntem Spielraum?
- Haben die Gelehrten diese Angelegenheit unterschiedlich bewertet?
Diese Unterscheidungen sind entscheidend.
Der Prophet ﷺ erwähnte im bekannten Hadith über den Ijtihād, dass ein Richter, der sich ernsthaft bemüht und richtig urteilt, zwei Belohnungen erhält; wenn er sich bemüht und dabei einen Fehler macht, erhält er eine Belohnung. Dieser Hadith zeigt die grundsätzliche Bedeutung von qualifiziertem Ijtihād und dass ein Fehler nach ernsthafter Bemühung nicht automatisch bedeutet, dass die Person deshalb verwerflich oder außerhalb der Wahrheit steht.
Natürlich bedeutet dieser Hadith nicht, dass jede persönliche Meinung automatisch legitim ist. Der Hadith bezieht sich auf jemanden, der tatsächlich zur Beurteilung befähigt ist und sich um die richtige Entscheidung bemüht. Gerade deshalb sollte der Laie vorsichtig sein, wenn er selbst komplexe Fiqh-Fragen beurteilen oder andere Menschen aufgrund solcher Fragen verurteilen möchte.
Deshalb sollte man nicht vorschnell sagen: „Du bist falsch.“
Man kann beispielsweise sagen:
„Nach den Beweisen, die ich kenne, finde ich diese Praxis nicht in dieser Form von der Sunnah bestätigt.“
Das ist etwas anderes als:
„Du bist ein Anhänger der Bidʿah, du machst alles falsch und deine Gebete sind so und so.“
Zwischen der Bewertung einer Handlung und der Bewertung einer Person muss unterschieden werden.
Auch sollte man sich selbst immer wieder fragen:
Habe ich wirklich das notwendige Wissen?
Habe ich die relevanten Überlieferungen vollständig betrachtet? Habe ich die Aussagen der Gelehrten zu diesem Thema untersucht? Kenne ich die Gegenargumente? Weiß ich, ob es unterschiedliche Bewertungen gibt? Oder habe ich lediglich einen Vortrag gehört oder einen einzelnen Artikel gelesen?
Und selbst wenn man die richtige Position kennt, kommt noch eine weitere Frage hinzu:
Habe ich den nötigen Charakter und die Weisheit, um dieses Wissen anderen Menschen zu vermitteln?
Denn es reicht nicht aus, Recht zu haben. Ein Mensch kann eine richtige Aussage auf eine Weise vortragen, durch die sein Gegenüber die Wahrheit noch stärker ablehnt.
Die Aufgabe der Daʿwah besteht nicht darin, Menschen zu besiegen, sondern darin, ihnen die Wahrheit näherzubringen.
Daher sollte man zwischen Klarheit in der Sache und Sanftmut im Umgang unterscheiden. Man muss nicht jede Meinung als gleich richtig darstellen. Aber man muss auch nicht jeden Menschen, der eine andere Auffassung vertritt, sofort als fehlgeleitet oder Anhänger einer Bidʿah bezeichnen.
Gerade bei Fiqh-Fragen sollte man die Existenz anerkannten Ikhtilāfs berücksichtigen und sich davor hüten, aus jeder unterschiedlichen Auffassung einen Streit um Sunnah und Bidʿah zu machen.
Am Ende sollten wir uns selbst prüfen
Vielleicht sind deshalb einige der wichtigsten Fragen nicht:
„Wie kann ich dieser Person beweisen, dass sie falsch liegt?“
Sondern:
„Ist es jetzt der richtige Zeitpunkt?“
„Ist diese Person bereit, zuzuhören?“
„Habe ich selbst genügend Wissen?“
„Kenne ich auch die Argumente der anderen Seite?“
„Gibt es wichtigere Dinge, die diese Person zuerst lernen sollte?“
„Wird meine Art der Vermittlung die Person der Sunnah näherbringen oder sie möglicherweise von ihr entfernen?“
Das bedeutet nicht, dass man aus Bequemlichkeit schweigt oder die Sunnah nicht verteidigt. Vielmehr bedeutet es, dass man Sunnah nicht nur kennt, sondern auch ihre Methodik in der Daʿwah berücksichtigt.
Die Wahrheit braucht keine Härte, um wahr zu sein. Und Weisheit bedeutet nicht, die Wahrheit zu verschweigen. Vielmehr bedeutet Weisheit, die Wahrheit mit dem richtigen Wissen, zur richtigen Zeit, gegenüber der richtigen Person und auf die richtige Weise zu vermitteln.